Chronik

CHRONIK des Touristenverein 

„Die Naturfreunde“

Ortsgruppe Linden-Dahlhausen

Teil 1 bis ca. 1953

Abschrift der handschriftlichen Chronik 

Chronik der Naturfreunde

Der erste Weltkrieg 1914-1918 war zu Ende.

Das neue Deutsche Reich war eine Republik, ein Volksstaat. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, so hieß es in der Verfassung von Weimar 1919. Damit wurden neue, junge Kräfte des Volkes freigelegt und es entstanden überall Bestrebungen, die Bewegungen geistiger und wirtschaftlicher Art zum Gemeingut des arbeitenden Volkes zu machen. Die freie, denkende deutsche Arbeiterschaft warf ihre alten Fesseln ab und versuchte, ein neues demokratisches Reich zu erbauen. Zu den vielen entstehenden Verbänden, Vereinen und Gemeinschaften gehört auch die Gründung einer Wandergruppe, die in der damaligen Großgemeinde Linden-Dahlhausen (etwa 22.000 Einwohner) im Jahre 1920 erfolgte. Im Frühjahr hatten einige arbeitende Menschen, alle der großen sozialistischen  Partei angehörend, eine sonntägliche Wanderung durch die Heimat gemacht, hatten unterwegs gleichgesinnte Genossen von Essen kennengelernt und waren von diesen auf die große Wanderbewegung der europäischen Arbeiterschaft „Die Naturfreunde“ (Hauptsitz in Wien, deutscher Vorort Nürnberg) aufmerksam gemacht worden.

Man wollte jetzt auch nicht mehr nur eine einfache „Wanderhorde“ sein, sondern sich diesem großen umspannenden Verbande für Wandern und Bergsteigen anschließen, vor allem auch deshalb, um die große, alte sozialistische Idee der Völkerversöhnung und Verständigung zu stützen und zu kräftigen. Auch mußte ein Gegengewicht geschaffen werden gegenüber den vielen bürgerlichen Wander-gruppen, die oft unter gewissen Tarnungen die Erfolge der arbeitenden Menschen schmälern und reaktionär beseitigen wollten. Es war also mit der Gründung der Ortsgruppe Touristenverein „Die Naturfreunde“ Linden-Dahlhausen  auch eine sozialistische Tat verbunden, die für ihre Mitglieder Erholung, Entspannung, Freude und Besinnung bieten wollte; das Kennenlernen unserer schönen Ruhrheimat, in deren Schächte viele Mitglieder  schwer arbeiten, sollte ein besonderes Ziel sein.

So gründete man dann im Frühjahr 1920 die jetzige Ortsgruppe. Im Lokal Hüsken, Am Krüzweg , kam es zur Gründungsversammlung, woran etwa 20 Personen teilnahmen (unter Ihnen Bruno Junghänel, Willi Berneiser, August Leitner, Ernst Steinbrink, Willi Helf, Franz Schäfer, Ernst Brockhaus).

Einige Wanderfreunde aus Essen standen bei dieser ersten Gründung Pate und sie hofften, dem jungen Wanderverein genügend Lebenskraft gegeben zu haben, doch in den Schweren Nachkriegsjahren war dieser erste Zusammenschluß nicht restlos zu halten, als das neue Frühjahr 1921 kam, war es nötig, den jungen Wanderverein der Arbeiterschaft in Linden-Dahlhausen neu zu festigen und zu gründen. In der Gaststätte Dellmann in Linden (Donnerbecke-Rauendahl) schritt man (Bruno Junghänel) zu einer erneuten Gründung; er wurde Obmann des Vereins und konnte wie in der ersten Versammlung etwa 20 Mitglieder aufnehmen, unter ihnen waren: Heinrich Siepmann, Willi Wilke, Walter Schlesius, Heinrich Durek, Anne Lutz, Elisabeth Schwindt, August Leitner, Willi Helf, Willi Berneiser, Ernst Brockhaus, Ernst Steinbrink, Lisbeth Neuß.

Nun entstand ein buntbewegtes Leben und Treiben, eine große Wanderbereitschafft und Wanderfreude, in den Heimabenden wurde gesungen, gespielt und getanzt, vor allem der Volkstanz wurde gepflegt, und bei allen diesen Bemühungen wurde das Hauptziel der „Naturfreunde“ nicht aus den Augen gelassen: Kraft , Erholung und Freude zu finden von schwerer Tagesarbeit durch erwandern der Heimat, die Schönheiten der Natur zu jeder Jahreszeit zu kennen und zu erleben, durch Unterhaltung und Schulung auch im politischen Sinne um auch hier dem erwachten sozialen und sozialistischen Gedanken zu dienen und ihn zu fördern. Anregend und unterhaltsam waren diese ersten Jahre trotz der schwere der Zeit, trotz Ruhrbesatzung und Absperrung des Ruhrgebietes 1923 durch die Franzosen, trotz aller großen und kleinen Einschränkungen und Verbote der Besatzungsmacht und trotz, und das war erschütternd für das ganze deutsche Volk, der großen Geldentwertung, die alle deutschen Menschen, die ehrlich waren, an den Bettelstab brachte und im November 1923 ihren tiefsten Tiefstand erreichte und das bisherige Geld außer Kraft setzte. In dieser schweren Zeit litt das Volk und jeder der zu ihm gehörte. Und spurlos ging auch der Touristenverein nicht aus diesem Chaos hervor.

So vergingen vier Jahre des Wachstums unseres Vereins unter den schwersten äußeren Bedingungen und hinzu kam noch, daß nach der Inflation 1923 in den nächsten Jahren die politische Reaktion stark einsetzte und hoffte, durch rückschrittliche gesetzliche Maßnahmen die Erfolge der Revolution von 1918 und die Errungenschaften der Arbeiterklasse zu schmälern. Da hieß es, wachsam sein sich nicht unterdrücken zu lassen.

In den ersten fünf Jahren stand der Verein unter wechselden Obmännern, es waren Junghänel, Leitner, Okrongli, Stratmann. In der Hauptversammlung 1925 wurde Gustav Schulte gewählt, der Obmann, der durch seine Tatkraft, Geschicklichkeit und Verhandlungsgabe eine neue Zeit und einen erneuerten Geist in das Vereinsleben bringen sollte und dem wir zu einem großen Teil die Erbauung des Heimes im Hedtberg zu danken haben. Er kam mit dem Gedanken, angeregt durch den Bau einer Wanderhütte in Welper, auch in unserer Ortsgruppe ein einfaches Wanderheim, eine Herberge zu erbauen. Bisher wurden die Mitgliederversammlungen in Lokalen oder in einigen Wohnungen von Mitgliedern abwechselnd abgehalten. Nun wollte man eine eigene Bleibe, um fortzukommen von Tabaksqualm und Alkoholdunst. Freilich, es konnte nur eine bescheidene, einfache Stätte sein, denn Geld zum Bauen hatte man nicht.

Der Hedtberg ist, wie jedermann weiß, eine kleine Anhöhe, eigentlich ein bewaldeter Abhang des großen breiten Nierenberges, jetzt Kassenberges (im Volksmund auch „Hessenberg“ genannt), der nach Süden hin abfällt zu einem breiten Quertale der Ruhr, in dem jetzt eine Bahnlinie vom Bahnhof Dahlhausen nach Weitmar verläuft und in dem ein schmutziger Bach, die Becke, ihre Industrieabwässer der Ruhr zuführt. Ehemals, noch um das Jahr 1910, war es ein hübscher, frischer, munterer Bach, quicklebendig mit allerlei Fischlein. Die Schuljugend spielte im Sommer gern daran und darin, fing dort die kleinen Fische und hatte eine Jugendfreude, wie selten es Kinder haben können und mancher ist im Übermut in „die Becke“ gefallen.

Zwischen dem Fuß des Hedtberges und der Becke, wo jetzt Gärten und Anlagen sind, war eine große Wiese, die die Jugend geradezu herausforderte, auf ihr Fußball zu spielen. Doch etwas muß klargestellt werden: Eigentlich ist der Hedtberg nicht der Hedtberg, eigentümlich, nicht war?

Aber es ist so. Von den Alten wurde der benachbarte runde Bergeskopf, der sich zum Uhlensiepen hinzieht, der Hedtberg geheißen. Und das war auch richtig, denn er war vor über vierzig Jahren (um 1910) noch vollkommen kahl, trug weder Baum noch Strauch, aber im Herbst erglühte er in der wunderbaren Pracht des Heidekrautes, „des Hedt“, wie er hierzulande genannt wird. Der Wald, in dem unser Heim liegt, hieß ursprünglich „der Dannenbusch“ (Tannenbusch) und zog sich ganz nach Westen durch, dem kleinen Wege „Am Alten General“ entlang. (der „Alte General“ war eine Zeche, ein Stollenbetrieb).

Einmal lief im heißen Sommer 1908 ein junger Mann schnellen Laufes von Oberdahlhausen kommend am Dannenbusch entlang, bevor er den Zug im Bahnhof erreichte, noch schnell ein Pfeifchen anzünden, just an der Stelle, wo der damals schmale Waldweg die scharfe Biegung macht, die Pfeife, vielmehr der Tabak geriet zwar in Brand, aber auch das dürre, trockene Laub am Wege des Dannenbusches. Ehe man es ahnte, der Wald stand in Flammen. Mit rasender Geschwindigkeit griff bei dem trockenen, heißen Wetter das Feuer um sich und der schöne Dannenbusch brannte bis zum Eisenbahnübergang am alten General restlos nieder, trotz angestrengter Arbeit der Feuerlöschzüge, der Flammen Herr zu werden.

Vernichtet war nicht nur der herrliche Baumbestand an Buchen, Eichen, Birken, Erlen, auch die Tierwelt Hasen, Igel, Fuchs, Iltis u. a. war schwer geschädigt und die Vogelwelt verschwunden.

Die damalige Gemeinde Dahlhausen pflanzte dann neue Bäumchen im Jahre 1910 wieder an und langsam wuchs „die Schonung“ heran und konnte nach dem ersten Weltkrieg den Bewohnern der Gemeinde wieder zum Besuch und erfrischendem Aufenthalt freigegeben werden. Vorher waren verschlungene Spazierwege und Ruhebänke angebracht, die die Menschen zur Rast einluden. Doch die Schonung mußte, wie natürlich jeder Wald, hier aber besonders, geschont werden. Keine Verbotsschilder, sondern eine buntbeschriftete Tafel lud den Wanderer höflichst ein, den heranwachsenden Gemeindewald mit Umsicht und Liebe zu betreten. Auf einer Tafel stand in däftiger Linden-Dahlhauser Mundart zum Beispiel:

Du kaß im Busch spazeeren gohn,
bloß lott dä Böm un Strüker stohn,
süß kömmt dä Kähl un schriewt die op,
dann stehst du do met n dicken Kopp.

Dä Kähl, das war der Flurschütz, der Mann, der die Fluren von amtswegen behüten soll und dem jede Jugend so gern einen harmlosen Streich spielt.

Und diesen Hedtberg hatte sich nun Gustav Schulte mit warmer Unterstützung seiner Naturfreunde ausgesucht, um dort, wie man es zunächst nannte, eine kleine Bleibe zu erbauen. Und warum?

Das ist klar und überzeugend, da war ein Gemeindewald, ein frischer junger Busch, der heranwuchs und schon die ersten Kinderjahre hinter sich hatte, ein Wald, der günstig lag, nicht weit von den Wohnungen der Menschen, nahe bei der Ruhr, ganz in der Nähe Eisenbahn und Straßenbahn, bequeme Zugangswege ohne weite Marschwege und in der Mitte ein Steinbruch, zwar nicht besonders groß, aber doch ansehnlich; er bot gutes Steinmaterial.

Wie dieser Steinbruch entstand und wie alt er eigentlich ist, weiß kein Mensch. Es ist zu vermuten, daß der Erbauer des Hauses, welches im Volksmund „in der Herberge“ heißt (jetzt Herbergsweg Nr. 18), vor vielen, vielen Jahren die Bausteine hier gebrochen hat. Vielleicht ist zu bemerken, daß der Name der Straße „Herbergsweg“ von diesem Bauern stammt und als Kötter mit Familien-namen Herberg hieß und in früheren Zeiten dem Sattelgut Dahlhausen zinspflichtig war.

Dem Sattelgut, das dem jetzigen Heim genau gegenüber auf der Anhöhe lag, dort wo jetzt der „Krampenhof“ und der große Findling ist. Die Geschichte berichtet,daß das Sattelgut (auch Sadelgut) viele Jahrhunderte dem Kloster Werden angehörte, das aus unserer Gegend während des Mittelalters die Abgaben zog.

Als die Bauernbefreiung kam (1811), wurde auch dieser Zustand endlich beseitigt. Im letzten Jahrhundert waren die Familien Halfmann und Karl Arnold Krampe Pächter des Sattelgutes, bis es ein Rentner Ernst Wolff kaufte und esschließlich im Jahre 1900 abbrannte.

Die Straßennamen der nächsten Umgebung sind dadurch erklärt: Am Sattelgut,Krampenhof, Halfmannswiese, Im Wolffs Feld.

Obmann Gustav Schulte trat also in Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung, deren Bürgermeister Nawa war, der Gemeindevorsteher hieß Hermann Krampe und nach dessen Tod 1927 Johann Hofmann. Der Beigeordnete der Gemeinde war Fritz Haverkamp. Die letzten beiden wurden Mitglieder unseres Vereins „DieNaturfreunde“. Der Verein hatte zwar kein Geld, der Kassenstand war 6,50 M; doch hatte man erst das Grundstück, würde sich das weitere schon finden. Die Verhandlungen waren langwierig und schwer und endlich war man soweit, daß die Gemeinde das Grundstück zunächst leihweise gab und den Beginn des Baues erlaubte. Voller Zuversicht entwarf man Pläne, die vom Bauführer und Mitglied Georg Range hergestellt wurden, doch zunächst einfach und bescheiden.

So konnte dann am 3. Januar 1926 der erste Spatenstich getan werden.

Der erste Entwurf für den Bau liegt noch im Bilde vor und die ersten hoffnungsfrohen Arbeiter zeigt noch eine photographische Aufnahme, die im Vereins- zimmer zu sehen ist, es waren: Gustav Schulte, Karl Pfeffer, August Weidanz, Wilhelm Hentrich, Heinrich Siepmann, W. Siepmann, W. Schneider, H. Ruttloh,Valentin Preuß, Jacob Blumenthal.

Fünfzehn Mitglieder hatte damals die Ortsgruppe. Man begann zunächst den Schutt wegzuräumen, der den Steinbruch ausfüllte. Eine kleine Feier ergab einen geringen Überschuß, der etwa ausreichte, Schüppen und Hacken zu kaufen. Was sonst noch fehlte wurde von den Mitgliedern nach und nach angeschafft und „besorgt“. Nun ging es stramm an die Arbeit, jede freie Stunde wurde ausgenützt, selbst an Sonntagen und in mondhellen Nächten wurde geschafft. Der Schutt wurde an Ort uns Stelle angeschüttet oder ins Tal zur Müllkippe getragen. Die Arbeiten stellten sich allerdings schwieriger und langwieriger, als man zuerst angenommen hatte. Metertief mußte man graben, ehe man auf festen Grund kam, zudem geriet man auf ein Kohleflöz, was eine Verschiebung der Grundmauer notwendig machte. Dann stieß man auf Felsen, die Steine, die hier gebrochen wurden, mußten gleich vermauert werden, damit sie nicht hinderten; sehr tief, etwa sieben Meter, wurde die vordere Grundmauer gesetzt.

Wer von den Neugierigen die Mauer sah, konnte sich nicht vorstellen, wie daraus ein Haus werden sollte. Die organisierte Arbeiterschaft, die zuerst dem Treiben der Naturfreunde ungläubig und mißtrauisch zugeschaut hatte, beteiligte sich nach und nach an den Arbeiten. Bald waren täglich ganze Kolonnen im Berg zu sehen.

Maurergruppen gingen nach Feierabend von ihrer werktäglichen Arbeit geschlossen zum Hedtberg, um bis zur Dunkelheit für ein Werk der Allgemeinheit unentgeltlich zu schaffen.

Geldsammlungen wurden vorgenommen, Baustoffe billig beschafft, eins griff ins andere und allen voran der Obmann Gustav Schulte, immer ein gutes Beispiel gebend.

Auch Gruppen der Partei und Gewerkschaft und der Arbeiterjugend kamen und halfen und ab und zu erschienen sogar die oberen Jungenklassen der damaligen „Freien Schule“ mit ihrem Schulleiter und Lehrer, um tüchtig mit Hand anzulegen und um es den Erwachsenen gleichzutun.

Schließlich war eine tüchtige, fleißige Arbeitsgemeinschaft tätig, die alle miteinander verband, vom Maurer, Lastenträger, Handlanger, Steinarbeiter, über den Gemeindevorsteher, Amtsbauführer, Beigeordneten, Polizeibeamten, Schulleiter und Lehrer bis zur Schuljugend.

Das Werk wuchs langsam heran. Am 24. Juni 1928 war die feierliche Grundsteinlegung. Naturfreunde von nah und fern strömten herbei, Partei, Gewerkschaften, Jugend- und Sportverbände waren da und feierten das „Fest der Arbeit“.

Inmitten dieses Festes veranstalteten die Naturfreunde unter der Teilnahme der Arbeiterschaft des Ortes am Abend vorher einen Umzug mit anschließender

Sonnenwendfeier. Der Grundstein wurde unter Beteiligung von Behördenvertretern gelegt.

In den Grundstein wurden gelegt und eingemauert:

  1. Die Entstehungsgeschichte des Baues
  2. Die endgültige Bauzeichnung
  3. Der katasteramtliche Lageplan
  4. Der Vertrag mit der Gemeinde Linden-Dahlhausen mit einem Begleitschreiben des Bürgermeisters Nawa
  1. Berichte vom Hause von Mitgliedern des Vorstandes
  2. Photographische Aufnahmen von der Baustelle

Damals stand der größte Teil des Felsens noch an, dort hinten, wo die Rückwände des Hauses mal stehen sollten. Viele Festteilnehmer konnten sich auch jetzt noch kein Bild davon machen, was aus dem Bauplatz mal werden sollte.

Inzwischen wurden Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung, dem Landkreise, dem Ruhrsiedlungsverband fortgesetzt, die nach oft unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten schließlich dazu führten, daß der Ortsgruppe das Grundstück unentgeltlich übereignet wurde. Die Eintragung ins Grundbuch erfolgte, die „Naturfreunde“ waren Besitzer des Grundstückes geworden, es folgte die Eintragung ins Vereinsregister als eingetragener Verein.

Mit allem Nachdruck wurden nun die Arbeiten fortgesetzt. Steine brechen, Steine behauen, das Mischen und Mauern waren jetzt die Hauptarbeiten, besonders schwer war das Richten des Dachstuhles. Bald fanden sich auch hier Fachleute, die mit der schwierigen Konstruktion fertig wurden.

Das Verputzen , Fußbodenlegen, Treppen- und Fenstereinbauen, alles schien vorher fast undurchführbar und alles wurde schließlich doch fertig.

Am 28. Juli 1929 wurde das Haus eingeweiht und dem Verkehr übergeben. An der Einweihungsfeier, einem schönen Sonntagmorgen, beteiligten sich die Naturfreunde des Gaues und die gesamte organisierte Arbeiterschaft des Ortes mit allen ihren Gliederungen, alle froh darüber, daß ein Werk geschaffen war, viel schöner, als man es ursprünglich erträumt, ein Werk, das der Gemeinschaft dienen und den Fortschritt fördern sollte.

Am Abend vorher, 27.06.1929, war ein Fackelzug, die Weihrede hielt der Gauobmann Kurt Reumuth, der Zweck und Bedeutung des Hauses in warmherzigen Worten den Zuhören darlegte.

Vielleicht ist hier angebracht, jetzt hinzuweisen auf den Einsatz und Opferwillen eines jeden Mitarbeiters, ein Beispiel wurde gegeben, wie es nicht oft zu finden ist, ein Werk wurde geschaffen, das sicherlich noch vielen Generationen dienen wird: Die Gemeinschaft zu pflegen, Kameradschaft zu üben, sich selbst zu fördern, anderen zu helfen. Es ist nicht möglich, alle fleißigen Arbeiter am Werk zu erwähnen und ihre Namen zu nennen , das liegt nicht im Sinne einer gemeinschaftlichen Arbeit, denn keiner von ihnen würde sich über den anderen erheben wollen, um dann besonders hervorzutreten; denn was sind Namen, sie sind vergänglich, nur die Tat bleibt bestehen und das Werk ist unvergänglich.

Wenn trotzdem der Name des Obmanns Gustav Schulte genannt wird, dann nur deshalb, weil er die Hauptlast der Verantwortung, der Verhandlungen und der Arbeit trug, allen ein Vorbild war und leider zu früh durch den Tod uns genommen wurde.

Mit welcher Ausdauer und Aufopferung gearbeitet wurde, kann man daraus ersehen, daß von den Mitgliedern des Touristenvereins „Die Naturfreunde“, von Partei- und Gewerkschaftsmitgliedern und von der Arbeiterjugend freiwillig und ohne Entgelt insgesamt 14152 Stunden gearbeitet wurden, das sind umgerechnet und den Tag zu zehn Arbeitsstunden angesetzt: 3 Jahre, 10 Monate und 16 Tage.

Ein eigenes Heim, schön und groß, prächtig im Grünen gelegen, war erbaut. Doch nun hieß es, es ordentlich verwalten, es mit dem nötigen Inventar zu versehen und der wandernden Jugend, wie auch den örtlichen Gruppen der sozialen Bewegung zu dienen. Es war natürlich schwer, alle dinge die ein Heim ausmachen, zu beschaffen. Es mußten Betten, Bettzeug und Decken , Tische, Stühle und Bänke; Küchengeräte: Herd, Porzellan, Glas und undenklich viele kleine und große Gegenstände beschafft werden, bis alles in prächtiger Ordnung war. Hier erwies sich der Vorstand des Vereins als überlegener, umsichtiger und fördernder Vorstand.

Nach und nach war alles beschafft und die Bewirtschaftung und Benutzung des Hauses nahm einen guten, wenn auch schwierigen Anfang; man kam über die ersten Klippen der Beschaffung, der Regelung des Wanderverkehrs, der Abhaltung von Sitzungen, Tagungen, Sport- und Turnstunden und der Verwaltung gut hinweg.

Für die Herbergseltern war es in den Anfangszeiten schwer, alles in richtige Bahnen zu leiten, jedem gerecht zu werden und doch die Interessen des Vereins zu wahren. (Von 1929 – 1933 waren Verwalter des Heimes: Jacob Blumenthal, August Weidanz, Ph. Hoppe, Frau Siepmann).

Zu vergessen ist nicht, daß der Verein auch selbst im neuen Heim seine regelmäßig wöchentlich seien Vereinsabende abhält mit Spiel, Musik, Volkstanz, mit künstlerischen Darbietungen, Filmen und belehrenden Vorträgen aus den verschiedensten Gebiete, vor allem aus Heimatkunde und Heimatgeschichte. (Ein eigener Filmapparat und ein Rundfunkgerät waren erworben.)

So war nach drei bis vier Jahren das Haus im Hedtberg ein Mittelpunkt des Wanderns und der Bewegung der Arbeiterschaft geworden, es hatte viel Mühe und Arbeit gekostet und war doch mustergültig erstanden und erfreute sich regen Besuches. Dann kam der große Schlag. Schon die Jahre 1931 + 1932 mit ihrer riesigen  Erwerbslosigkeit drückten schwer, die politischen Verhältnisse nahmen mit Riesenschritten den Weg bergab ins Chaos; 1933 brachte die Vernichtung. Wie überall im deutschen Vaterlande, wurde die Diktatur der Gewalthaber zur Abwürgung jeder freien Betätigung, zur vollkommenen Vernichtung der sozialistischen Bewegung, mit Hohn und Spott wurde die denkende Arbeiterschaft überschüttet und viele ehrliche, aufrichtige Männer wurden ohne Grund verhaftet, hinter Schloß und Riegel gebracht und sahen oft die Freiheit niemals wieder. Alle Errungenschaften und Einrichtungen wurden brutal zerstört, alle Werte beschlagnahmt und für die Parteimacht dienstbar gemacht.

Und so mußte auch unser Hedtberghaus herhalten; es wurde beschlagnahmt und aus ihm ein Haus der „Hitlerjugend“ gemacht.

Verbissen und machtlos sahen die Naturfreunde schweigend zu, ihre Arbeit ihre Jahrelange Aufopferung waren umsonst, waren dahin.

Doch in den Stärksten, in den Überzeugtesten lebte trotz allem noch ein Fünkchen Hoffnung. Einmal wird es anders werden!

Es sollte lange, lange dauern. (Bald wurden übrigens vier Vereinsmitglieder, die vor der Beschlagnahme dem Vorstand angehört hatten, in einen Prozeß verwickelt, den sie unter den neuen Machthabern, den gegebenen Umständen und der rechtlosen Zeit nicht gewinnen konnten. Jeder von ihnen wurde verurteilt, eine große Summe (648,00 M) zu zahlen. Sie hatten eine Bürgschaft übernommen, die jetzt durch die Beschlagnahme des Hauses nicht mehr aufzubringen war.)

Die Jahre gingen dahin, der zweite Weltkrieg mit seinen Entbehrungen, schrecklichen Bombennächten, seinem Hunger und Elend, seinen Toten , Witwen und Waisen kam und verging endlich, endlich.

Die Machthaber des sogenannten „Dritten Reiches“ waren verschwunden und bezwungen.

Das Volk atmete auf, die Militärregierung kam.

Es wäre nun, so sollte man meinen, ein Leichtes gewesen, unser 1933 beschlagnahmtes Eigentum, unser Hedtbergheim zurückzuerhalten.

Schon im April 1945, kurz nach dem Einmarsch der Besatzungstruppen, erschienen die ersten Naturfreunde im Hedtberg, um wieder ihr Eigentum in Besitz zu nehmen. (Während der zwölf Jahre Naziherrschaft hatte sich kein Naturfreund dort sehen lassen.) Aber so einfach war es nicht. Zwölf Jahre Diktatur hatten auch hier grundlegend andere Verhältnisse geschaffen, man erfuhr, daß die Stadt Bochum, das Haus an sich gezogen hatte. (Am 1.08.1929 war die Gemeinde Linden-Dahlhausen eingemeindet worden.) Nun hieß es das Heim von der Stadt zurückzuerhalten.

Übrigens haben die ersten Naturfreunde, die das Haus wieder betraten, große Augen gemacht. Es war 1937 für die Zwecke der Hitlerjugend umgestaltet worden, der große Saal war nicht mehr, eine andere Zimmereinteilung war vorgenommen worden, manches verbessert, anderes aber für unsere Zwecke nicht praktisch eingerichtet. Als die Besatzung kam, hatte man schnell das Inventar des Hauses zerstört, verschleppt, vernichtet. Ein wüster Trümmerhaufen wurde zurückgelassen, keine Fensterscheibe war ganz, wertvolle Geräte verschwunden.

Am 23.April 1945 übertrug die Stadt auf unseren Wunsch uns zunächst die auf Widerruf die Aufsicht über das Heim und der neue Hauswart Fritz Reker  hatte viel Arbeit, Ordnung zu schaffen. Wir erfuhren nun, daß die Stadt das Haus im Wege der Zwangsversteigerung erworben hatte. Alle Kräfte waren nun auf die Rückgewinnung des Hauses gerichtet. Zunächst wurde der Verein nach zwölfjähriger Pause neu gegründet. Bewährte alte Mitglieder traten ihm wieder bei, aber auch viele neue, junge Kräfte.

Johann Hofmann war nun nach dem Tode von Gustav Schulte der erste Obmann.

Er mußte zusehen, welche praktischen Wege möglich waren, wieder in den Besitz des Heimes zu kommen. Mit Klugheit und Geschick, mit Ausdauer und einer gewissen Verhandlungskunst wußte Johann Hoffmann nach langen, mühseligen Unterredungen und Verhandlungen es dahin zu bringen, daß unser Anspruch endlich anerkannt wurde. Wer die Protokolle der Verhandlungen durchliest, kann erkennen, wie trotz der eigentlich klaren Sachlage es schwer war, endlich das Recht zu gewinnen, um wieder in den Besitz des Hauses zu gelangen. Es ist an dieser Stelle nötig, festzustellen, das Johann Hofmann und andere Vertreter des Vereins (Aug. Weidanz, Ernst Liethmann) sich aufopfernd bemühten, mit der Stadt Bochum einen möglichst günstigen Rückkaufvertrag zu erhalten, der dann in einigen entscheidenden Sitzungen des Vereins von den Mitgliedern einstimmig gebilligt wurde.

Auch die Rückkaufsumme, die die Stadt forderte (11.000,00 RM), wurde in wenigen Wochen durch eine Sammlung bei den Mitgliedern, Freunden und Gönnern aufgebracht und schnellstens gezahlt. Die Hauszinssteuer-Hypothek blieb erhalten und wurde vom Verein wieder übernommen.

Inzwischen belasteten die schweren Nachkriegsjahre wieder die Bevölkerung. Armut, Hunger, Mangel an Kleidung und Schuhen ließen zunächst kein Wanderleben im alten Sinne aufkommen. Um der Not zu steuern und vor allem um den Kindern Hilfe zu bringen, wurde unser Heim im Einverständnis mit der Militärregierung zu einem Kinderheim der Arbeiter-Wohlfahrt. Vom Sommer des Jahres 1946 bis zum Herbst 1949 waren Kinder aus allen benachbarten Industriestädten im Hedtbergheim und fanden dort bei guter Verpflegung und einem angenehmen Aufenthalt in frischer Luft Ruhe und Erholung. Es mögen wohl über 1.500 Kinder gewesen sein, die von der Arbeiter-Wohlfahrt in dieser Zeit betreut wurden.

Als diese Hilfe zu Ende war, kamen entlassene Kriegsgefangene ins Heim, die auch von der Arbeiter-Wohlfahrt betreut wurden und die nach und nach Erholung fanden, zum größten Teil in Arbeit und Brot gebracht werden konnten; viele fanden ihre Familien und ihre alte Heimat wieder.

Während der Vermietung des Hauses konnten die Mitglieder der Naturfreunde in einem Raum wöchentlich regelmäßig ihre Vereinsabende abhalten.

Am 1. April 1950 wurde der Vertrag mit der Arbeiter-Wohlfahrt gelöst, das Heim wurde nun vom Verein endgültig übernommen. Nun hieß es, es wieder für unsere Zwecke herzurichten und umzugestalten; schon bald begann ein neues planen und Arbeiten.

Auf seinen Wunsch trat der erste Obmann Johann Hofmann (1948) wegen fortgeschrittenen Alters von der Leitung des Vereins zurück und die Geschicke lagen nunmehr bei dem neuen Obmann Willi Hopmann.

Tatkräftig wurde wieder geschafft, -wie in den Aufbaujahren wurde jetzt gearbeitet: Wände niedergerissen, Türen neu gesetzt, gemauert, verputzt, gehämmert, gehobelt gestrichen. Im ersten Stockwerk entstand der große Saal, im Erdgeschoß der große Aufenthaltsraum. Viele fleißige Hände regten sich wieder und bald war das Innere des Hauses so umgestaltet, wie es heute ist.

(Anmerkung des Verfassers der Abschrift: ca. 1953). Überlegungen und große Kosten bereiteten die neuen Anschaffungen: Tische, Stühle, Küchengeräte, Betten, Matratzen, Bezüge, Decken und manche anderen Dinge; aber alles wurde geschafft. Ein neuer Wanderbetrieb setzte ein.

Jetzt kamen hinzu die vielen Tagungen, Wochenendkurse, Schulungen, Übernachtungen verschiedener Gruppen; alle zusammen brachten viele Menschen in unser Heim, die alle des Lobes voll waren über die gute Verpflegung, die Übernachtungsmöglichkeiten, die Sauberkeit.

Willkommen sind uns alle Gäste. Es kommt darauf an, stets Ordnung zu halten, Mängel abzustellen und laufend Verbesserungen vorzunehmen. Der große Saal wurde durch eine Schiebetür geteilt, ein Klavier gekauft, ein Rundfunkgerät angeschafft. Bald zeigte sich, daß Waschräume und Toilettenanlagen für den gesteigerten Besuch nicht ausreichten. Da wurde wieder geplant, gebaut. Es entstand nach langer, schwieriger Arbeit und unter großen Kosten der Toilettenraum im ersten Stockwerk, der bis an den Felsen heran an der Rückseite des Hauses angebaut wurde und vorbildlich und hygienisch eingerichtet ist.

Auch die Küche wurde verbessert, die Wände mit Platten belegt, die Einrichtungsgegenstände vermehrt, allerlei Küchengeräte angeschafft, um möglichst die Arbeit zu erleichtern und um schnell allen Anforderungen gerecht zu werden. Auch der Anstrich des Treppenhauses, der Fenster usw. wird laufend erneuert. Nach und nach wurde für die geistigen Bedürfnisse der Mitglieder gesorgt. Eine Musikgruppe bildete sich, der Aufbau einer Bücherei wurde begonnen.

Als der Plan der Stadt, die Wege und Anlagen im Hedtberg umzugestalten und zu erneuern, Wirklichkeit wurde, wurde zur gleichen Zeit vom Verein auch der Vorplatz vor dem Heim ausgebaut, ein Teil des Abhanges östlich des Hauses abgetragen, um auch Platz für Autos zu schaffen, -eine Lichtanlage erhellt bei Dunkelheit den Weg zum Haus.

Schließlich wurde eine Anzahl Betten durch neue ersetzt und für alle Betten die Matratzen erneuert.

Die Leitung des Vereins konnte ein stetiges Ansteigen der Besucherzahlen feststellen. Es Sind jährlich wohl an die tausend Menschen zu Gast, Menschen aus allen Gebieten des Vaterlandes, sei es aus der näheren und weiteren Umgebung, vom Nordseestrand und Alpenland, vom Rhein und Main, vom Schwarzwald und Harz, -von überallher kamen sie, auch aus dem Ausland, von Österreich, der Schweiz, von Schweden, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich.

Im Gästebuch hat mancher Fremde seinen Dank für gute Aufnahme ausgedrückt.

So war nach vielen Jahren, nach unglücklichen Zeitumständen, nach verworrenen Verhältnissen endlich das Ziel erreicht, das in den Gründungen und Baujahren (die nun schon mehr 25 Jahre dahin sind), vielen Mitarbeitern vorgeschwebt hatte: Ein Heim zu schaffen für die wandernde und sich geistig weiterbildenden jungen und alten Menschen; ein Heim der Erholung, der Muße, des Frohsinns und der Stärkung für den Alltag.

Ende der handschriftlichen Chronik

etwa 1953

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